Suse Stoisser

IN STEIN GEMEISSELT? – BEAM ME UP. Was mir so auffiel – beim Betrachten des Werks von Suse Stoisser

BURKHARD RICHTER

 

Vor dem Hintergrund der Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die der kleine Küstenort Cadaques in Katalonien vermittelt, lernt man mit Suse Stoisser in gewisser Weise einen Gegenpol hierzu kennen. Von der Heiterkeit des Ortes lässt sie sich nicht zu Oberflächlichkeiten verführen. Sehr nachdenklich und ernsthaft präsentiert sie sich als jemand, dem die künstlerische Aussage und deren Qualität entscheidend wichtiger sind als die Produktion gefälliger Selbstdreher. Sie ist existenziell getrieben von der Auseinandersetzung mit dem „Woher“ und dem „Wohin“ und dem „Wie“ unter genauer Beobachtung des aktuellen Zeitgeschehens, das auch an Cadaques nicht vorbeigeht. Ihre Umwelt wird von ihr damit befasst, künstlerische Konzepte zu Grundsatzfragen zu verstehen und – verarbeitet in Kunstwerke hinein – wertzuschätzen. Ein spannendes Unterfangen, auf das man sich einlassen sollte, wenn man auf geistige Bereicherung aus ist, trägt Suse Stoisser doch erkennbar ihre Fragestellungen in das Kunstwerk hinein und will den Betrachter veranlassen, dies zu sehen und sich damit auseinanderzusetzen.

Für den Betrachter abschreckend, weil zu anstrengend? Wohl eher verführerisch! So erging es mir jedenfalls vor vielen Jahren, als ich mit einem ihrer Werke konfrontiert wurde: Eine zentimeterdicke Stahlplatte, aus der die Umrisse einer Person ausgeschnitten waren, einer Person, die wohl mal auf einem Stuhl gesessen hatte, dessen Rücklehne aus einer Hinter Stuhl – Perspektive in den Personenumriss hineinragte. Hier war der Anfang einer Geschichte erzählt, die neugierig machte. Eine Weichenstellung war vorgegeben: Die Person, die in die Weite, vielleicht in die Unendlichkeit geblickt hatte, war ihren dabei angestellten Gedanken schon gefolgt und aus dem Bild verschwunden. Ihr „Schon nicht mehr – Dasein“ hatte im Metall lediglich einen Cut out hinterlassen. Das aber machte es für den Betrachter nicht obsolet, für sich herauszufinden, ob es etwa eine weibliche oder männliche Person war, ob diese von einer Lebens- oder Todessehnsucht getrieben und wohin sie aus dem Bild entwichen war. „Richtig abgebogen und alles gut“ oder „Tragödie und Verlust“ waren von der Künstlerin als Spannbreite der subjektiv möglichen Deutungsarbeit des Betrachters angelegt. Zu Ende erzählt werden musste die Geschichte jedoch vom Betrachter ausgehend von dem verlassenen Stuhl oder – in späteren Arbeiten – von der abgeworfenen Jeanshose oder den abgestreiften Schuhen, die die Künstlerin als Startrampe für die Überlegungen des Betrachters im Kunstwerk stehen lässt oder als Cut out anhaltspunktartig festhält.

Denselben Mechanismus setzt Suse Stoisser mit ihren Arbeiten in Gang, in denen nicht unmittelbar ein erkennbares Bild angelegt ist, sondern ein oder mehrere Begriffe ausgeschrieben und explizit vorgegeben werden, die vom Betrachter in virtuelle Bilder umgesetzt werden müssen.“Carved in Stone!“ könnte als Überschrift über dieser mittlerweile sehr umfangreichen, wohl aber noch nicht abgeschlossenen Werkgruppe stehen, die sich unterschiedlichster Materialien sowohl für das, was für alle Zeiten festgeschrieben werden soll, als auch für das, in das festgeschrieben werden soll, bedient. Und doch beschleichen den Betrachter Zweifel, ob die Überschrift ein Ausrufungszeichen tragen sollte? Ist nicht ein Fragezeichen treffender? Nicht immer ist es nämlich nur ein Wort. Oft sind es mehrere Begriffe. Sehr oft sind es schon Wortspiele, die darauf hinweisen, dass manchmal kleine Unterschiede in Schreibweise oder Aussprache („and“ versus „end“) die grundsätzliche Frage aufwerfen, was eigentlich in Stein gemeißelt werden soll. Dies lässt vermuten, dass die Künstlerin warnen will vor voreiligen Festlegungen, dazu aufruft nachzudenken, bevor eine Botschaft oder Weisheit zum ehernen Grundsatz geadelt wird. Manchmal neigt sie dazu, den Betrachter in dessen subjektiven Überlegungen zu beeinflussen, indem sie den relevanten Begriff um positive Assoziations-Anhaltspunkte etwa via Collage „anreichert“ (Mariposa: Schmetterlinge), um den Betrachter zu einer positiven Sichtweise zu verführen. Und manchmal neigt sie dazu, die Erkenntnis der Gefahr der Voreiligkeit pessimistisch zu vertiefen, indem sie verschiedene Begriffe in ein Knäuel verstrickt, quasi im Vollwaschgang durcheinanderwirbelt (reinigt?), dem Betrachter mittels Verwirbelung („propels“) verdeutlicht, dass im Leben Nuancen entscheidend sein können, das Leben Aufmerksamkeit erfordert, um die roten Linien zu erkennen. Diese Gedankengänge und Überlegungen sind so individuell und so subjektiv, dass es nicht Wunder nimmt, wenn Suse Stoisser einem dieser mit Begriffen spielenden Werke überraschend desillusioniert den Titel „Without Message“ gibt. Das Ausrufungszeichen wäre also falsch gesetzt. Die Botschaft lautet: „Carved in Stone?“.

Der in Suse Stoisser tief verankerte Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, manifestiert sich verblüffenderweise auch rein äußerlich schon darin, dass viele ihrer Kunstwerke auch eine Rückseite aufweisen, auf die man zufällig stößt oder zu der man gelangt, wenn die Arbeit dazu auffordert, individuelle Sichtweisen herzustellen. Dies mag durch die Ausnutzung individueller Aufbau- und Anordnungsfreiheiten etwa bei Skulpturen-Ensembles (Kasten-Serien) oder auch durch Ausnutzung von Einstellungsfreiheiten bei beweglichen Skulpturenteilen geschehen, wie etwa durch individuelle Einstellung der Symbolkarten für die Werdungsgeschichte der Menschheit, die drehbar wie Turner auf einer Reckstange ins Bild gesetzt sind (A & E). Die stark intellektualisierte Herangehensweise der Künstlerin an die Vermittlung ihrer Botschaft bedient sich hier prosaisch eines einfachen mechanischen Tricks, indem eine Rückseite zur Wahl mitgeliefert wird. Die gebotenen Einstellungsfreiheiten schlagen aus dem mechanisch Möglichen aber doch ins Inhaltliche zurück: Nichts mag einfach hingenommen, alles muss „hinter“fragt werden ! Nur wer dies tut (oder dazu verleitet oder gezwungen wird), kann der Künstlerin in ihrem Erkenntnisprozeß folgen. Wo der Betrachter in seinen Überlegungen letztlich landet, ist Suse Stoisser sympathischerweise nicht entscheidend wichtig, weiß sie doch, dass die Erkenntnis über den erreichten Zwischenstand der Menschheitsgeschichte eher belanglos ist, wenn nur das „Woher“ hinreichend reflektiert wird. Denn nur dann besteht in ihren Augen Aussicht, dass Gestaltungsspielräume hinsichtlich des „Wohin“ und des „Wie“ erkannt und bewusst genutzt werden. Gewiß ist für sie: Ohne Klärung des „Woher“ besteht wenig Hoffnung auf einen Erfolg ihrer Mission.

Der Drang der Künstlerin, ihre Umwelt zu der beschriebenen Reflektion zu nötigen, bedient sich auch eines weiteren Hilfsmittels, das den Betrachter in Erstaunen versetzt: Die von Suse Stoisser eingesetzten Materialien konterkarieren oft die die mit ihnen umzusetzenden künstlerischen Aussagen. Es sind nicht nur Betonschiffe, die übers Wasser fahren, es sind nicht nur Manuskript-Blätter aus schwerem Stahl, die vom Wind verwirbelt, oder Diskusscheiben aus Marmor, die die durch die Luft geworfen werden, es ist auch die Entmaterialisierung des menschlichen Körpers, der die ihn bedeckenden Hosen und Schuhe und die von ihm besetzten Stühle oder Bänke verlassen hat und durch pure Abwesenheit (Cut out) glänzt oder die letzten Stadien seiner Entmaterialisierung mittels durchsichtig schwirrenden Plexiglases, das durch vielfältige Verformungen seine Auflösung indiziert, dokumentiert. Ein Prozess, dessen Einleitung Captain Kirk (Raumschiff Enterprise) in jeder Film-Episode mehrfach angeordnet hat und dessen wissenschaftliche Beherrschung im Non-Fiktion-Bereich bis heute nicht gelungen ist. Allein diese Herangehensweise im Hinblick auf die von ihr verwendeten oder nicht verwendeten Materialien sensibilisiert jedenfalls unterbewusst den Betrachter, schärft seine Aufmerksamkeit und steigert damit seine Reflektionsbereitschaft. Schwer kann leicht sein, leicht kann schwer sein. Durchsichtigkeit kann belegt werden, auch wenn der Blick verstellt wird. Suse Stoisser setzt hier das von ihr benutzte oder nicht benutzte Material zielgerichtet ein, nutzt die ihr bekannten üblichen Sehgewohnheiten und Anschauungen des Betrachters und – indem sie diese beim Materialeinsatz in ihr Gegenteil verkehrt – verbessert damit die Fähigkeit des Betrachters, ihre künstlerischen Aussagen nachzuvollziehen. Dabei legt sie die ernst zu nehmende Künstler auszeichnende Neugier an den Tag, die dazu führt, dass sie ständig neue Materialien, neue Verarbeitungstechniken und neue Kombinationsmöglichkeiten auslotet, wenn dies nur für die Realisation der künstlerischen Idee nützlich ist. Hier profitiert sie sicher von den Materialkenntnissen, die ihr ihr Lehrer Gironcoli im Studium vermittelt hat. Der Vollständigkeit sei noch angemerkt, dass der Blick des Betrachters auf die verwendeten schweren und z.T. voluminösen Materialien diesem höchste Bewunderung abnötigt vor dem Hintergrund der eher zarten Statur der bearbeitenden Künstlerin!

Alea jacta est. Was mir – wie vorstehend beschrieben – an Suse Stoisser und ihrer Kunst auffiel, manifestiert sich insgesamt prägnant in ihrer Werkgruppe „Dices“: Wer sich schon einmal an einem Würfelspiel beteiligt hat weiß, dass diese locker aus dem Handgelenk geworfen werden müssen. Bei Suse Stoisser sind die Würfel aus Stahl, also schwerlich mit leichter Hand zu werfen. Welche Zahlen die Würfel nach dem Wurf aufweisen, ist für den Betrachter gestaltbar. Das Ergebnis kann er sich von allen Seiten aus anschauen. Von der Künstlerin für Ausstellungen arrangiert, stehen oftmals einige Würfel auf der Kante, Kippe oder Spitze, wodurch ein Wurfergebnis offenbleibt: Fallen die Würfel noch (in welche Richtung)? Wurfwiederholung? In der Thematik des Würfelspiels manifestiert sich freilich auch Zufälliges. Das Ergebnis ist nicht beeinflussbar. Dies muss dem Rezipienten bewusst sein. Aber das ist möglicherweise auch Teil der Stoisser´schen Botschaft.

 

Burkhard Richter. 2017