Suse Stoisser

VERLUST UND ABWESENHEIT IN DEN ARBEITEN VON SUSE STOISSER

Ernesto di Mauro

 

Die Bedeutung mancher Worte ist äusserst zweideutig und ebenso ist es deren Interpretation. Das erste Beispiel, das einem in den Sinn kommt, ist das Wort Verstand, mente im Italienischen, Spanischen und Portugiesischen, mind im Englischen. Sie alle werden abgeleitet vom Lateinischen mens. Im Französischen und Deutschen, Sprachen, in denen es dieses Wort so nicht gibt, haben ésprit beziehungsweise Verstand die entsprechende Bedeutung. Mit Sicherheit ist aber nicht das gleiche gemeint, wenn man von Geist und Verstand, von Lebenshauch und Pneuma, von Seele und Atem, von Gedanken und Bewusstsein spricht. Hier finden wir Beispiele für Zweideutigkeiten.Kunst ist ebenfalls ein zweideutiger Begriff.

Genauso verhält es sich mit „Fehlen/Verlust“, das wir im Englischen radebrechend mit loss, to miss, lack, lost umschreiben können. Das sind Übersetzungsprobleme, die sich als unlösbar und zwiespältig erweisen, sobald wir uns die Dimension der Zweideutigkeit dieser Begriffe bewusst machen: Verlust und Abwesenheit, etwas das da war und es nicht mehr ist? Etwas, dessen Abwesenheit wir bemerken, oder etwas, das, wie man uns sagte, da sein würde, es aber nicht ist? Erwartung oder Verlust, Begebenheit oder ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat? Die Schwierigkeit der Übersetzung hat ihren Grund in der Schwierigkeit unseres Denkens, dem Spiegel der Worte.

Verlust und Abwesenheit sind die Brennpunkte einer Ellipse, eines Raumes, in dem Abwesenheit, Erwartung, Verschwinden und Sehnsucht schweben. Der Kreis, der sie alle umgibt, ist das Leben, der Raum, den wir einfach mit Inhalten füllen, indem wir leben.

Verlust und Abwesenheit sind sehr unterschiedliche Worte. Gleichzeitig sind sie jedoch die zwei Seiten einer Medaille. Sie sind untrennbare und nicht unterscheidbare neuronale Verbindungen, etwa so, als lese man im Gegenlicht die gleiche Partitur, die sich unterschiedlich längs dem Lauf der Tage entwickelt. Verlust und Abwesenheit sind das, was Ferdinand de Saussure Zeichen und Signifikat nennt, nicht voneinander trennbare und nicht zu unterscheidende Seiten der gleichen Materie, aus der unsere Erwartungen gemacht sind. An dieser Stelle kommt die Kunst ins Spiel. Sie kann erklären und Sinn stiften in dem gemeinsamen Terrain, auf dem sich alle Unsicherheit bewegt.

Suse Stoissers Kunst ist von Intellektualität bestimmt und ist gleichzeitig sachlich, aus den Dingen gemacht. Suse verkörpert das Prinzip des Beobachters spiegelverkehrt. Der Beobachter kann nach diesem Grundprinzip der Quantenphysik – die uns endlich relativiert hat und unsere euklidischen Sicherheiten für immer aufgelöst hat – nicht umhin, die beobachtete Realität zu modifizieren. In Suses Arbeiten geschieht genau das Gegenteil. Der Beobachter kann die Realität, sei sie nun Wirklichkeit oder Schein, nicht mehr modifizieren und er ist es, der verändert wird und wieder in das Innere der Ellipse gezogen wird, deren Brennpunkte Verlust und Fehlen sind.

Wenn Fernando Pessoa sagt: „ Ich selbst bin ein Großteil der Prosa, die ich schreibe “ und wenn Flaubert sagt: „ Madame Bovary, das bin ich “, muss man daran erinnern, dass Kunst und Künstler eins sind, dass diese beiden Brennpunkte dazu neigen, sich gnadenlos zu decken. Außer vielleicht in seltenen Momenten der Entfremdung – denen des normalen Lebens – ist das Leben für den Künstler Projektion der Kunst, nicht umgekehrt. Es genügt, eine dieser Arbeiten anzuschauen, um dies zu bemerken und zu erkennen.

Hier kommen wir nun zur wahren Aufgabe des Betrachters, nämlich zu der Herausforderung, mit der wir beim Anblick dieser Arbeiten konfrontiert werden. Spaziert man in Lissabon im Stadtteil Chiado die Rua da Trinidade entlang, stößt man über einem Eingang seitlich des Palacio da Trinidade auf einen in großen schwarzen Buchstaben gehaltenen anonymen Schriftzug, der alle existentiellen Zweifel auflöst, die wir oder irgend ein anderer Mensch jemals hatten: „ Penso mas não existo“ ( ich denke, aber ich bin nicht ). Abgesehen von der Eleganz dieses Satzes, ist der erste Gedanke, den diese Worte in dem Spaziergänger hervorrufen, dass hier eine dringliche Frage gestellt wird, ohne dass eine Antwort gegeben wird. Das ist genau das gleiche Gefühl, das der Betrachter der Arbeiten von Suse hat. Sie stellen offene Fragen, die keine anderen als individuelle Antworten zulassen, von denen man sich am Beginn des Weges zu entfernen sucht. Nicht zu sein heißt, den Gedanken die magische und autoreferentielle Komponente zu nehmen, also jene, die uns dazu bringt, das Leben einzig und allein auf das Denken zu reduzieren. Die Aufgabe der Kunst ist es, diese Aporie aufzulösen. Dieser Satz stammt von dem brasilianischen Philosophen und Theologen Daniel Lima.

Und am Ende, am tiefsten Punkt des Strudels der Flucht vor dem rein Rationalen, jenseits des Umherschweifens in den ästhetischen Erlebnissen, was uns vor diesen Arbeiten abgelenkt hat, kehren wir, wenn wir noch die Kraft haben, in den normalen Kreislauf der Gedanken und des Seins zurück. Wieder jenseits des unumgänglichen Gedankenspiels, zu dem uns die Kunst, wenn sie denn wahre Kunst ist, hingerissen hat. Die Worte auf der Mauer in Lissabon erinnern uns daran, dass das Sein eine Illusion des Bewusstseins ist, also nichts anderes als der Pfiff der Lokomotive, die unser Gehirn ist, um eine etwas abgenutzte Metapher zu bemühen. Denn in der Kunst werden Illusion und Bewusstsein zum Sein, in der Kunst lösen sich Verlust und Leere in Leben und Verstand auf.

 

Ernesto di Mauro. Molecularbiologe, „Pandore mon amour“. 2017

Deutsche Übersetzung: Irene Hollenberg